Der Migräne liegt eine komplexe Pathophysiologie zugrunde, die erst nach und nach detektiert werden konnte. Eine genetische Veranlagung, bestimmte Trigger, Stress oder Überlastung können nach aktuellem Kenntnisstand die wiederkehrend auftretenden Kopfschmerzattacken auslösen. Inzwischen basieren viele Behandlungsmanagements auf den Schlüsselmechanismen der Erkrankung und können zu effektiven Ergebnissen führen.
Die Wissenschaft konnte Migräne inzwischen nicht mehr nur als rein vaskuläre, sondern vielmehr als neuronale Erkrankung enttarnen. Denn an ihrer Entstehung sind sowohl periphere als auch zentrale Sensitivierungsprozesse beteiligt. In der Schweiz leidet rund eine Million der Bevölkerung an den wiederkehrenden Kopfschmerzattacken. Die Krankheitslast ist hoch, denn nicht nur die Schmerzen sind belastend. Sie ziehen häufig auch Funktionseinbussen nach sich, da sich die Schmerzen bei körperlicher Aktivität verstärken. Zudem werden sie häufig begleitet von Appetitlosigkeit, Übelkeit mit oder ohne Erbrechen, Geräusch-, Licht- und Geruchsempfindlichkeit. Kaum verwunderlich, dass Migräne von der WHO als eine der weltweit häufigsten Ursachen für verlorene Lebensjahre eingestuft wurde.
Bei der medikamentösen Behandlung wird zwischen Akuttherapie und Prophylaxe unterschieden. Beiden ist gemeint, dass sie zuverlässig wirksam sein und wenig Nebenwirkungen aufweisen sollen. Die Akuttherapie wird eingesetzt, um die Kopfschmerzen rasch zu reduzieren bzw. zu beenden, Begleitsymptome zu beseitigen und die Funktionsfähigkeit wiederherzustellen. Die Prophylaxe ist vor allem bei stark betroffenen Patienten indiziert, um die Häufigkeit und Intensität zu reduzieren, die Wirksamkeit der Akutmedikation zu steigern und eine Zunahme der Kopfschmerz-freien Zeit zu erreichen. Der S1-Leitlinie zur Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne zufolge sollte an eine Prophylaxe gedacht werden, wenn der Leidensdruck, die Einschränkung der Lebensqualität und das Risiko eines Medikamentenübergebrauchs hoch sind.
Unterversorgung im Blick
Die Umsetzung der Empfehlung lässt aktuellen Erhebungen zufolge jedoch noch Raum nach oben. Migräne wird immer noch häufig nicht oder erst verspätet diagnostiziert, viele Patienten nehmen sie als schicksalhaft hin und die Prophylaxe konnte sich bisher noch nicht breitflächig etablieren. Nur rund 50% der Betroffenen konnten einer Umfrage zufolge eine entsprechende Diagnose vorweisen. Von den Migräne-Patienten nahmen darüber hinaus zwar 98% eine Akuttherapie ein, aber lediglich 12,4% bekamen eine Prophylaxe. Doch Analysen belegen, dass knapp 35% der Betroffenen die Voraussetzungen für eine prophylaktische Behandlung erfüllen. Dass die Versorgung so schlecht ist, mag u.a. an Vorbehalten von Patienten und Ärzten gegenüber der Prophylaktika liegen, die viele Nebenwirkungen, Abhängigkeit und hohe Kosten befürchten. Doch dies muss nicht sein, wie auf dem Kongress erneut verdeutlicht wurde. Empfohlen werden bei episodischer Migräne ab drei Attacken pro Monat oder chronischer Migräne Betablocker (z.B. Propranolol, Metoprolol), Kalziumantagonisten (z.B. Flunarizin), Antikonvulsiva (z.B. Topiramat), Antidepressiva (z.B. Amitriptylin) sowie Onabotulinumtoxin A. Werden diese nicht vertragen oder weisen keine ausreichende Wirkung auf, können monoklonale Antikörper gegen CGRP (Fremanezumab, Galcanezumab) oder den CGRP-Rezeptor (Erenumab) eingesetzt werden. Sie gelten als besonders gut verträglich und sehr wirksam. Es kann nicht nur die Anzahl der Migräne-Attacken effektiv gesenkt werden, sondern auch deren Intensität.
Kongress: Schmerzkongress 2021
InFo NEUROLOGIE & PSYCHIATRIE 2021; 19(6): 28 (veröffentlicht am 1.12.21, ahead of print)